Temperaturabhängigkeit des Moderatoreffekts


 
Die Temperatur in den Brennstäben eines Reaktors schwankt in Abhängigkeit von der verlangten Reaktorleistung. Sie liegt bei Volllast im Innern der Brennstäbe bei etwa 800 °C. Die Temperatur hat Einfluss auf die Wirksamkeit des Moderators.

Ein Vergleich zwischen den Moderatoren Graphit und Wasser macht das deutlich.


Bei dem Reaktor vom Typ Tschernobyl (ehem. UdSSR) sind der Moderator Graphit und das Kühlmittel Wasser unterschiedliche Stoffe. Wenn die Anzahl der Kettenreaktionen und damit die Leistung ansteigen, entstehen im Kühlmittel Wasser mehr Dampfblasen. Da Wasserdampf pro Volumen weniger Moleküle enthält als Wasser, werden weniger Neutronen absorbiert.

Am Moderator Graphit kann nun eine höhere Anzahl von Neutronen abgebremst werden, sodass auch die Anzahl der Kernspaltungen steigt. Durch eine erhöhte Anzahl von Kernspaltungen steigt dann aber auch die Leistung an, die zu noch mehr Dampfblasen führt, usw. Man sagt, der Dampfblasenkoeffizient des Moderators ist positiv.

Nur durch geeignete Sicherheitseinrichtungen wird verhindert, dass der Leistungsanstieg außer Kontrolle gerät. Dieser Effekt, verbunden mit einer Fehlbedienung, führte 1986 zum Reaktorunfall von Tschernobyl.

In den Leichtwasserreaktoren (speziell Siedewasserreaktoren) der Bundesrepublik Deutschland ist das Wasser Kühlmittel und Moderator. Steigen die Anzahl der Kernspaltungen und damit auch die Leistung an, erhöht sich auch hier der Dampfblasenanteil. Da das Wasser aber gleichzeitig Moderator ist, bedeuten mehr Dampfblasen eine "Verdünnung" des Moderators.

Es werden jetzt weniger Neutronen absorbiert, noch weniger aber abgebremst (der Moderatoreffekt ist von größerem Gewicht als der Absorptionseffekt). Dadurch sinkt die Anzahl der Kernspaltungen von selbst. Da ein totaler Kühlmittelverlust zugleich einen totalen Verlust des Moderators bedeuten würde, käme die Kettenreaktion von selbst zum Erliegen. Der Dampfblasenkoeffizient ist hier also negativ.

Bei dieser Art von Selbststabilisierung spricht man deshalb von negativem Dampfblasenkoeffizient oder inhärenter (innewohnender) Stabilität.

Dieser negative Dampfblasenkoeffizient bei Leichtwasserreaktoren war in den 50er-Jahren ausschlaggebend für die Wahl dieses Reaktortyps für die Bundesrepublik Deutschland.

Eine Erhöhung der Moderatortemperatur bedeutet, dass das U-238 bei hoher Temperatur mehr, bei niedriger Temperatur weniger Neutronen absorbiert. Dieser Effekt wirkt also einem Anstieg der Anzahl freier Neutronen und damit auch einem Anstieg der Kernspaltungen entgegen. Kleine Leistungsänderungen werden dadurch selbsttätig ausgeglichen.
Zum anderen bedeutet grundsätzlich eine Erhöhung der Moderatortemperatur, dass die Bewegungsenergie der Moderatoratome bzw. Moderatormoleküle zunimmt. Sie überträgt sich dann auch auf die Neutronen, die nun nicht mehr so schnell abgebremst werden.