Steuerung der Kettenreaktion


 
In einem Reaktor wird die Kettenreaktion dadurch gesteuert, dass man von außen in den Neutronenhaushalt eingreift. Das geschieht mithilfe von Stoffen, die eine große Neigung zur Absorption von Neutronen besitzen. Werden diese Steuerstäbe tief in die Spaltzone geschoben, absorbieren sie viele Neutronen. Zieht man sie wieder heraus, ist die Neutronenabsorption entsprechend geringer.


Als Absorptionsmaterial für Neutronen eignen sich vor allem Bor und Cadmium. So kann z. B. eine 6,5 mm starke Schicht aus so genanntem Boral (Legierung aus Aluminium und maximal 50 Volumenprozent Borcarbid/B4C) die Anzahl freier Neutronen um den Faktor 1010 verringern.

Der Einfang von Neutronen durch Bor oder Cadmium geschieht durch eine Kernreaktion, bei der eine Sekundärstrahlung ausgesandt wird.

Das entstehende Lithium gelangt z. T. in das Kühlmittel Wasser und wird - zusammen mit anderen Verunreinigungen - bei der Kühlmittelreinigung fortlaufend entfernt. Die Alphateilchen wandeln sich durch Aufnahme von Elektronen in Helium um, das in den Röhrchen der Steuerstäbe einen beachtlichen Gasdruck erzeugt. Die Abnahme der Borkonzentration und der Druckaufbau begrenzen die Lebensdauer der Steuerstäbe. Der Austauschrhythmus beträgt etwa 6 Jahre.

Der Zustand eines Reaktors kann durch den Multiplikationsfaktor k beschrieben werden. Er gibt das Verhältnis der Anzahl der Spaltungen einer Neutronengeneration zur Anzahl der Spaltungen der vorhergehenden Neutronengenerationen an.

Beim so genannten Anfahren eines Reaktors muss der Multiplikationsfaktor größer als 1 sein (k > 1, überkritischer Reaktor), damit die Anzahl der Kettenreaktionen ansteigt. Ist ein bestimmtes Leistungsniveau erreicht, wird dafür gesorgt, dass k = 1 gilt (kritischer Reaktor). Bei der Leistungsverringerung oder dem Abschalten eines Reaktors werden die Steuerstäbe zur Absorption der Neutronen zwischen die Brennstäbe eingefahren. Die Kettenreaktion nimmt ab bzw. hört ganz auf (k < 1, unterkritischer Reaktor).


Bei starken Abweichungen vom normalen Reaktorbetrieb oder bei Störfällen kann der Reaktor durch schnelles Einfahren der Absorberstäbe innerhalb weniger Sekunden abgeschaltet werden. Dieser "Schnellschluss" wird automatisch ausgelöst, kann aber auch durch Betätigen eines Notschalters herbeigeführt werden.

Bei einer Kettenreaktion tritt die Neutronenvermehrung in Bruchteilen von Sekunden auf. Bei der Inbetriebnahme eines Reaktors oder der Steigerung seiner Leistung wäre eine Steuerung mit mechanischen Vorrichtungen nicht möglich, weil sie viel zu langsam wären. Der Ablauf des Spaltungsvorganges selbst kommt den Menschen aber zu Hilfe. Etwa 0,75 % der bei der Spaltung frei werdenden Neutronen werden erst mit einer Verzögerung von durchschnittlich 10 bis 20 s durch die Spaltprodukte abgegeben.

Stellt man bei einer Leistungserhöhung den Reaktor so ein, dass sich die Neutronen von Generation zu Generation nicht mehr als um 0,75 % vermehren, wird der Zuwachs nur durch diese verzögerten Neutronen bewirkt. Die Zeit von 20 s reicht aus, um Neutronen absorbierende Steuerstäbe zwischen die Uranbrennstäbe zu schieben.

Wie verzögerte Neutronen für die Reaktorsteuerung genutzt werden können, lässt sich durch eine Analogie veranschaulichen. Das wird hier für den Fall der Leistungserhöhung des Reaktors erklärt. Ein Wasserbehälter hat einen Zu- und einen Ablauf. Der Zulauf besteht aus einem Rohr mit großem und einem Rohr mit kleinem Querschnitt. Der Abfluss kann durch Betätigen eines Schiebers geöffnet werden, sodass sich der Behälter sehr schnell entleert. Es soll nun erreicht werden, dass sich der Wasserstand nur in dem Maße erhöht, wie Wasser durch das Rohr mit dem kleinen Querschnitt zufließt. Dazu muss der Schieber so weit geöffnet werden, dass so viel Wasser abfließt, wie durch das große Rohr zufließt. Der Wasserstand steigt dann nur langsam entsprechend dem Zufluss durch das kleine Rohr an und kann durch Verstellen des Schiebers leicht gesteuert werden.