| |
Tschernobyl
Am 26. April 1986 kam es in der Nähe der ukrainischen Stadt
Tschernobyl zu einem Reaktorunfall, in dessen Verlauf größere
Mengen von Radionukliden austraten. Diese wurden mit der Luftströmung
über weite Gebiete verteilt. |
 |
Bei dem zerstörten Reaktor in Tschernobyl handelte es sich
um den Typ RBMK 1000. RBMK ist die Abkürzung der russischen Bezeichnung
für einen heterogenen, wassergekühlten, graphitmoderierten
Druckröhrenreaktor mit einer elektrischen Leistung von 1 000
MW. Reaktoren dieses Typs wurden ausschließlich in der ehemaligen
Sowjetunion gebaut. Zur Zeit des Unfalls waren in der ehemaligen UdSSR
15 Reaktoren dieses Typs in Betrieb. Im Westen wusste man bis 1986
recht wenig über die in der Sowjetunion betriebenen Reaktoren.
Zu dem Unfall kam es durch ein mangelhaftes Konstruktionsprinzip,
Fehlleistungen des schlecht ausgebildeten Personals und das Fehlen
geeigneter sicherheitstechnischer Einrichtungen.
Wesentliche Konstruktionsunterschiede des "Tschernobyl-Reaktors"
gegenüber Leichtwasserreaktoren der Bundesrepublik:
- Die Leistung kann sich durch schlechtere Kühlung vergrößern.
Bei graphitmoderierten Reaktoren werden die bei der Spaltung eines
U-235-Kerns entstehenden zwei bis drei schnellen Neutronen durch
den Graphit abgebremst. Sie können dann weitere Kernspaltungen
auslösen. Wenn die Kettenreaktion und damit die Leistung
ansteigen, entstehen in den Druckröhren höhere Temperaturen
und damit mehr Dampfblasen. Da Wasserdampf pro Kubikzentimeter
weniger Moleküle als Wasser enthält, werden nun weniger
Neutronen durch Wasser absorbiert. Es sind dann mehr Neutronen
vorhanden, die abgebremst werden können und letztlich weitere
Kernspaltungen auslösen. Dadurch setzt sich der Temperaturanstieg
fort, sodass noch mehr Dampfblasen erzeugt werden, usw. Man sagt,
der Dampfblasenkoeffizient ist positiv. Nur durch geeignete Sicherheitseinrichtungen
kann verhindert werden, dass der Leistungsanstieg außer
Kontrolle gerät. Im Gegensatz dazu würde eine Verschlechterung
der Kühlung bei einem inhärent sicheren Leichtwasserreaktor
in der Bundesrepublik zu einer Verminderung der Leistung führen
(der Dampfblasenkoeffizient ist negativ).
|
|
- Das Volumen des Reaktorkerns (Tschernobyl) ist mehr als 10-mal
so groß wie bei den Leichtwasserreaktoren der Bundesrepublik.
Es ist eine aufwendige und komplizierte Steuerung der Kettenreaktion
notwendig.
|
|
- Ein Brennelementwechsel ist während des Betriebs möglich,
wodurch Stillstandzeiten vermieden werden sollen. Um waffenfähiges
Plutonium zu gewinnen, können die Brennelemente nach der
optimalen Brutzeit während des Betriebs entnommen werden.
- Der "Tschernobyl-Reaktor" verfügt weder über
ein stabiles Reaktorgebäude noch über Reaktordruck-
und Sicherheitsbehälter.
Zum Reaktorunfall am 26. April 1986 kam es durch eine Reihe von Bedienungsfehlern
im Zusammenhang mit einem technischen Experiment. Dabei wollte man
feststellen, wie lange die noch rotierende Masse des Turbosatzes den
Strombedarf des Kraftwerks bereitstellen kann, bis die Notstromdiesel
diesen übernehmen können. Unterhalb einer thermischen Leistung
von 700 Megawatt ist dieser Reaktortyp sehr schwer zu regeln. Deshalb
ist das Betreiben der Anlage unter solchen Bedingungen strengstens
verboten. Trotzdem wurde durch Außerbetriebsetzung von Sicherheitseinrichtungen
und durch fahrlässige Überbrückung von Sicherheitssignalen
die Leistung auf 200 Megawatt thermisch gehalten. Bei dieser Leistung
begann das Experiment. Die Anzahl der Kernspaltungen nahm daraufhin
in wenigen Sekunden rapide zu, sodass die Brennstofftemperatur stark
anstieg. In Berechnungen wurde nachgewiesen, dass es innerhalb kürzester
Zeit zu einem Leistungsanstieg um das 100fache der thermischen Nennleistung
(das bedeutet 4.000 Megawatt thermisch auf 400 000 Megawatt) kam.
Dies führte zum Zerplatzen von Brennstäben, zu einem nicht
mehr beherrschbaren Anstieg des Dampfdruckes und letztlich zum Bersten
von etwa 30 % der Druckröhren. Radioaktive Stoffe wurden ausgeschleudert
und aufgrund von Graphitbränden in Höhen von 1 bis 2 km
transportiert (Schornsteinwirkung). Man schätzt, dass die Brennstofftemperatur
etwa 3 000 °C erreichte (Schmelzpunkt von UO2 2 800
°C). |
Harrisburg (Three Mile Island)
Harrisburg hat sozusagen unfreiwillig im Großexperiment
den Beweis geliefert, dass der Einschluss eines Reaktors in ein stabiles
Containment bei einem Unfall Schlimmeres verhindern kann. Auch hier
kam es durch menschliche Fehlhandlungen und ein teilweises Versagen
der Technik zu einer Überhitzung des Reaktorkerns und zu teilweisem
Kernschmelzen. |
|
Aus Sicherheitsgründen wurden Maßnahmen für die
Bevölkerung eingeleitet (Schließung von Schulen, Aufforderung
zum Verlassen eines Gebietes im Umkreis von 8 Kilometern). Im Inneren
der Anlage kam es zu erheblichen Schäden. |
| Es wurde aber niemand verletzt oder kam gar ums Leben. Die Strahlenbelastung
der Bevölkerung war nur äußerst gering. Die durchschnittliche
Strahlendosis der 2 Millionen Menschen in der Umgebung des Kraftwerks
betrug 0,0017 mSv. Sie entspricht in etwa der durchschnittlichen Strahlenbelastung,
der man aufgrund der natürlichen Höhenstrahlung bei einem
Flug von Deutschland in die Vereinigten Staaten ausgesetzt ist. |
|