| |
|
In Gabun (Westafrika) gibt es ergiebige Uranerzvorkommen,
die seit Ende der 60er-Jahre abgebaut werden. Zur Qualitätskontrolle
wird ständig die Zusammensetzung des gewonnenen Erzes und vor
allem der Anteil an Uran-235 bestimmt. |
Bei der Analyse einer solchen Probe aus dem Tagebau Oklo
stellte der Analysentechniker im Mai 1972 fest, dass der Uran-235-Gehalt
nicht wie üblich 0,7202 Atomprozent, sondern nur 0,7171 Atomprozent
betrug. Das waren 0,003 Prozent weniger, als sonst bei allen anderen
Uranerzvorkommen auf der Welt festgestellt worden war. Eine Wiederholung
der Analyse ergab denselben Wert, sodass ein Messfehler ausgeschlossen
werden konnte.
Da bei der Anreicherung von U-235 auch an U-235 abgereichertes Uran
anfällt, hätte es sein können, dass es sich hier um
eine Verunreinigung mit abgereichertem Uran handelte. Eine genaue
Überprüfung ergab jedoch, dass dies nicht der Fall war.
Auch eine Verunreinigung mit abgereichertem Uran, wie es bei der Wiederaufarbeitung
abgebrannter Brennelemente auftritt, war nicht die Ursache. In abgebrannten
Brennelementen befindet sich nämlich immer U-236, das in der
Probe aus Oklo fehlte. Die Abreicherung musste also in der Uranerzlagerstätte
selbst geschehen sein.
Bei der Untersuchung weiterer Proben stellte man Abreicherungen bis
herab zu 0,296 Atomprozent fest. Dabei zeigte sich, dass die Abreicherung
desto größer war, je mehr Uran das Erz enthielt, d. h.,
je höher die Gesamt-Urankonzentration lag. Bei Urangehalten unter
etwa 1 % waren dagegen die Anteile von U-238 und U-235 wie sonst üblich
verteilt.
Im August 1972 wurde erstmals die Hypothese formuliert, dass in der
Erzlagerstätte in Oklo ein natürlicher Reaktor in Betrieb
gewesen sein könnte. Der Gehalt an U-235 wäre dann durch
Kernspaltungen bzw. eine längere Zeit in Gang gehaltene Kettenreaktion
verringert worden. |
| Einen eindeutigen Beweis für die stattgefundene
Kettenreaktion erhielt man durch den Nachweis der dabei entstandenen
Spaltprodukte. Da die Erzlagerstätte sehr alt ist, sind die relativ
kurzlebigen Spaltprodukte nicht mehr vorhanden, wohl aber die stabilen
Endglieder ihrer Zerfallsreihen. An insgesamt 13 Stellen fand man
dadurch Hinweise auf prähistorische Reaktortätigkeit. |
|
Wie konnte es aber in der Natur zu einer kontrollierten Kettenreaktion
kommen? Damit eine Kettenreaktion in Gang kommt, müssen drei
Bedingungen erfüllt sein. Es müssen
- eine hohe Urankonzentration mit einem genügend großen
Anteil an U-235 vorliegen,
- ein Moderator zur Abbremsung der Neutronen zur Verfügung
stehen
- und Stoffe fehlen, die zu viel Neutronen einfangen.
Diese Bedingungen waren in Oklo tatsächlich erfüllt. Die
Urankonzentration (U-238 und U-235) beträgt in Oklo an einigen
Stellen bis über 60 Gewichtsprozent. Solche besonders uranreichen
Zonen sind etwa 0,6 bis 1 m dick und wenige Meter breit. Da die Uranerzlagerstätte
etwa 1,8 Milliarden Jahre alt ist, lag zur Zeit ihres Entstehens auch
der Gehalt an U-235 höher, und zwar über 3 % (HWZ von U-235
ca. 0,72 Mrd. Jahre). Unter diesen Bedingungen konnte dann auch Wasser
(z. B. Regenwasser) der Moderator sein. Neutronen absorbierende Stoffe
mussten ebenfalls weitestgehend gefehlt haben. |
| Die Kettenreaktion hielt sich vermutlich mehrere Hunderttausend
Jahre selbst in Gang. Dabei traten Temperaturen zwischen etwa 180
°C und etwa 450 °C auf. |
|
Wie es über so lange Zeit zu einer kontrollierten (und nicht
zu einer unkontrollierten) Kettenreaktion kommen konnte, ist noch
nicht bekannt. Man nimmt an, dass zwei unterschiedliche Kontrollmechanismen
wirksam waren:
- Geringe Beimengungen von Li-6, B-16 und Cd-113 sowie die entstandenen
Spaltprodukte haben gerade so viel Neutronen eingefangen, dass
die Kettenreaktion nicht lawinenartig ablief.
- Das als Moderator wirkende Wasser bildete einen zweiten Regelmechanismus.
Je nachdem, ob Regenwasser in das Uran eindrang oder aus ihm verdampfte,
nahm die Anzahl der Kernspaltungen zu oder ab.
Verdampfte Wasser aus dem Erdreich, konnten die Neutronen nicht mehr
ausreichend abgebremst werden. Die Anzahl der Kernspaltungen ging
zurück und die Temperatur sank. Sickerte Wasser ein, stieg die
Anzahl der Kernspaltungen wieder usw. Diese Unterbrechungen der Kettenreaktion
schätzt man auf höchstens zwei bis drei Stunden.
Wodurch sich das Uran in so hohen Konzentrationen ablagern konnte,
ist geologisch noch nicht geklärt. Unbekannt ist ebenso, ob ähnliche
Naturreaktoren auch in anderen Teilen der Welt in Betrieb waren. |
|